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Ostern
"Der Tod ist vernichtet!"
Der feurige Prediger der Baptistengemeinde der 12. Straße macht sich zum Endspurt bereit und versetzt die Herzen der Gläubigen in österliche Schwingungen.
Der Gottesmann fuchtelt mit den Armen durch die Luft, ruft, ja schreit beschwörend:
"Der Tod ist tot, Halleluja!"
"Halleluja!" schallt es unter Klatschen hundertfach zurück, "der Tod ist tot! Halleluja!"
Applaus.
Befreiendes Lachen huscht durch die Reihen, alle stehen auf und singen.
Nur einer lächelt ruhig zurückgelehnt in der letzten Bank: Fred, der Bestattungsunternehmer. Er summt leise mit und weiß doch, GESTORBEN WIRD IMMER.
Zuerst habe ich geschmunzelt über diese kleine Story aus New York. Ich habe mir diesen Kontrast ausgemalt: auf der einen Seite die singende und schwingende Gemeinde - und auf der anderen Seite der coole, in sich hineinlächelnde Fred.
Auf der einen Seite der unbekümmerte Osterjubel - auf der anderen Seite der Bestattungsunternehmer, den die jahrelange Berufserfahrung etwas vorsichtiger gemacht hat.
Dann ist mir aber schnell klar geworden: New York und Wien liegen nicht weit auseinander.
Auch bei uns sitzt Fred - vielleicht nur mit einem anderen Namen und einem anderen Beruf.
Er hört uns - vielleicht nicht ganz so begeistert, aber doch aus voller Kehle - singen:
"Das Leben hat den Tod besiegt".
Er lehnt sich - vielleicht nur innerlich - zurück und denkt: GESTORBEN WIRD IMMER.
Schließlich habe ich mich gefragt:
Stört unser Fred die Freude dieser Nacht oder entlarvt er unsere Osterstimmung als Gefühl, das der Wirklichkeit nicht standhält?
Hat er nichts begriffen von der Botschaft der Auferstehung oder ist er ein heilsamer Störenfried, der unserer Osterfreude auf den Zahn fühlt?
Ich würde gern mit Fred ins Gespräch kommen und ihm drei Dinge sagen.
Zuerst einmal würde ich mich bei ihm bedanken.
Danke, dass du uns davor warnst, heute Nacht abzuheben und den Karfreitag zu verdrängen;
dass du uns davon abhältst, Trauer, Leid und Tod zu überspielen und so zu tun, als hätte das alles keine Bedeutung mehr.
Danke Fred, dass du uns davor bewahrst, allzu vollmundig und wissend von Auferstehung zu reden - dass du uns herausforderst, unseren Osterglauben zu überprüfen, ob wir uns durch ihn nicht einfach auf ein besseres Jenseits vertrösten lassen.
Ob wir nicht einfach nur das tun, was der Philosoph Blaise Pascal schon vor über 300 Jahren kritisiert hat: "Weil die Menschen" - so schreibt er - "gegen den Tod kein Heilmittel finden konnten, sind sie, um glücklich zu werden, darauf verfallen, nicht mehr an ihn zu denken."
Dann würde ich unserem Fred erzählen, was Ostern für mich bedeutet.
Ich würde es so versuchen:
Dein "GESTORBEN WIRD IMMER" bleibt wahr, aber ich glaube nicht, dass das alles ist, was über unser Leben gesagt werden kann.
Ich erlebe auch das andere: "AUFERSTANDEN WIRD IMMER".
Wenn ich auf Jesus schaue, dann geht mir auf:
Auferstehen war nicht nur ein Ereignis jenseits der Todesgrenze. Sein ganzes Leben war ein Auferstehen, ein Auferstehen für Gerechtigkeit und Güte, Aufstand gegen den Tod in allen seinen Formen.
Er hat schon zu Lebzeiten Gräber gesprengt, Menschen aus ihren Gräbern befreit,
- aus dem Grab der Einsamkeit und Enttäuschung,
- aus dem Grab der lähmenden Krankheit,
- aus dem Grab der Missachtung und Ausgrenzung,
- aus dem Grab des Egoismus
- und des `Immer-mehr-haben-wollens'.
Und heute - zu Ostern - feiern wir, dass sein Aufstand für das Leben weitergeht, dass der Tod sein befreiendes Reden und Handeln nicht auslöschen konnte.
Wenn ich mich in meiner Lebenswelt umschaue, dann entdecke ich ebenfalls: "AUFERSTANDEN WIRD IMMER",
- immer dort, wo jemand aufsteht gegen Gewalt und Unrecht;
- immer dort, wo jemand sich dagegen wehrt, dass andere in Gräber von Vorurteilen gelegt oder mundtot gemacht werden;
- immer dort, wo jemand aufrecht geht und sich nicht verkrümmen und verbiegen lässt;
- immer dort, wo jemand aufwacht und sensibel wird für die Hoffnungen und Nöte der anderen.
Vielleicht könnte Fred ahnen, dass im Sinne Jesu ein Leben möglich ist, in das der Tod zwar eingreift, das er aber letztlich nicht zerstören kann. Vielleicht könnte er ahnen, dass unser Leben nicht nach seiner Länge, nach seiner Zeitdauer gemessen wird, sondern an seiner Tiefe, an seiner Liebe.
Und schließlich würde ich Fred noch einen Rat geben:
Ostern kann man letztlich nicht verstehen. Man muss es ausprobieren. Und ich würde ihm ein Gedicht von Wilhelm Willms ans Herz legen:
  Steh auf
  wenn dich etwas umgeworfen hat.
  Steh auf,
  gerade wenn du meinst,
  du könntest nicht aufstehen.
  Der Stein vor deinem Grab
  wird sich von selbst fortbewegen.
  Es wird dir ein Stein vom Herzen fallen ...
  Mach alle Ostergeschichten wahr
  und frage nicht ob sie wahr sind.
  Probier sie aus,
  ob sie auf dich passen.
  Sie passen auf dich,
  sie sind keine Totengeschichten.
  Probier sie,
  dann wirst du sehen:
  es sind Wahrsagegeschichten.

Probier die Ostergeschichten aus, würde ich Fred raten, denn sie sagen dir eine Wahrheit auf die du dich verlassen kannst.
Probier sie aus und du wirst es erleben:
Einer holt dich aus deinem Grab - deshalb kannst du aufleben und feiern.
Probier sie aus, Fred, dann kann dein Lächeln zu einem frohen Osterlachen werden und dein Mitsummen zu einem kräftigen Halleluja.


Osternacht 2001 - Pater Josef