Gedanken
zu den
Texten vom
23. Sonntag
im Jahreskreis

Röm 13,8-10
Mt 18,15-20
Wie sag ich's meinem Mann oder meiner Arbeitskollegin, was mich ärgert? Oder anders formuliert: Wie kann ich berechtigte Kritik formulieren, so dass es der andere annehmen kann? Meist merke ich bei mir eine große Scheu: "Da sollen sich andere die Finger verbrennen, ich halte meinen Mund und schlucke es wie immer runter". Eine Kritik zu sagen ist schwer, auch wenn sie noch so berechtigt ist. Ich möchte, dass der andere sein Verhalten ändert. Zugleich befürchte ich: er nimmt die Kritik nicht an, ich kriege auch noch eins drüber, und die Luft ist dicker als vorher. Also ist es besser, alles mit dem Mäntelchen der sogenannten christlichen Liebe zuzudecken und den Mund zu halten?

Für solche und schwerwiegendere Situationen gibt der Evangelist Matthäus in seiner heutigen Evangeliumsstelle Empfehlungen, Ratschläge: "Wenn dein Bruder gesündigt hat, dann…" (Mt 18,15); wir haben es eben im Evangelium gehört. Bei Jesus heißt die Devise also nicht: "Halt lieber den Mund", sondern: "Geh hin und sag dem anderen, was los ist!" Deutlich ist dabei als Ziel: Derjenige soll für die Gemeinde zurückgewonnen werden. Es geht also nicht darum, jemand eine Abfuhr zu erteilen, nur den Ärger rauszulassen, den anderen zur Sau zu machen. Das würde gar nichts bringen.

Die Frage steht noch immer im Raum: Wie äußere ich berechtigte Kritik? Als Hilfe beim Überlegen will ich den Spieß ganz einfach umdrehen: Ich bekomme Kritik gesagt. Ob ich die annehmen kann, hängt davon ab, wie mir der andere begegnet: Wer mit erhobenem Zeigefinger von oben herab "Du müsstest doch eigentlich wissen…" belehrend, besserwisserisch und moralpredigend daherkommt und mir das unter Umständen auch noch vor anderen sagt, der oder die darf meiner Wut ziemlich sicher sein. Je nach Veranlagung kommt dann eine spitze Bemerkung oder ein eisiges Schweigen - einer ist zum Schluss bestimmt mundtot und der Ärger noch stärker als vorher.

Eine andere Sache ist es, wenn mir jemand unter vier Augen sagt, was er oder sie bei mir gesehen hat: "Horch mal, mir ist aufgefallen…; du, ich hab kein gutes Gefühl dabei…; mir fällt schwer, dir zu sagen…" - da ist m. E. die liebevolle Sorge spürbar, und ich habe Freiheit, mich zu ändern. Darauf kommt es an: auf die liebevolle Sorge und auf die Freiheit, die ich anderen lasse. Wenn ich das vor Augen habe, werde ich selber merken, wie und in welchem Ton ich sagen kann, was zu sagen ist. Umgekehrt: Wenn ich diese Freiheit in der Kritik des anderen spüre, werde auch ich mir leichter etwas sagen lassen.

Ich wünsche mir, dass ich auf meine Mitmenschen hören lerne und ich offen und liebevoll diesen Dienst der geschwisterlichen, dieser "positiven" Kritik - wie ich sie nenne - erweisen kann. So schaffe ich ein gutes Miteinander, wo der eine um die andere besorgt ist, und wir Menschen einander wertschätzen. Diese kritische Liebe tut dem Nächsten nichts Böses!