Und wenn ich der Wirt gewesen wäre ...?! zurück 

 
Wenn ich das gewusst hätte, damals, als die zwei Fremden an meine Tür klopften; also, wenn ich gewusst hätte, was aus der Geschichte wird - das beste Zimmer hätte ich ihnen angeboten. Mit eigener Hand hätte ich die beiden hinaufgeführt, und für die Frau da, da wäre mir nichts zu gut gewesen. Eine Magd hätte ich für sie freigestellt, damit sie ihr in der schweren Stunde beisteht. Und für das Kind, jetzt, nachdem ich das alles weiß, wäre mir das Beste gerade gut genug gewesen. Die schönbemalte Kinderwiege vom Boden, ein kostbares altes Erbstück, schon seit hundert Jahren im Besitz unserer Familie, die hätte ich runtergeholt. Da hätte das Kind ganz anders drin ausgeschaut als in der Pferdekrippe da im Stall. Also, wenn ich gewusst hätte, dass ...

Aber sagen Sie doch selbst, ist das denn auch eine Art so aufzutreten? Man muss doch wissen, wie man dran ist mit Gott und der Welt. Da muss doch alles seine Ordnung haben. Wie ich mit der Welt dran bin, das weiß ich schon, da kenn ich mich aus. Und bisher habe ich auch gemeint, dass ich Bescheid weiß, wie das mit Gott ist: Er ist ganz oben, und wir sind unten. Er ist dort, wo alles klar und eindeutig und herrschaftlich ist und so zugeht, dass der Mensch nur auf die Knie gehen kann, wenn er mit Gott zu tun hat.

Und jetzt? Ja, wer hätte auch das gedacht, dass mit Gott und uns und so einer Geschichte etwas in Bewegung kommt und einem die Maßstäbe zerschlagen werden. Wo kommt man denn hin, wenn alles durcheinander gebracht wird? Heute noch kann ich nur den Kopf schütteln, wenn ich daran zurückdenke.

Stehen die zwei da, die Frau hochschwanger, das sah ich doch auf den ersten Blick: „Lass dich ja nicht darauf ein“, dachte ich mir, „das gibt bloß Aufregung. Und gerade die kannst du jetzt, da das Haus voll ist, nicht gebrauchen.“ Wenn sie doch wenigstens etwas Besonderes an sich gehabt hätten, irgend so eine Art, die mich aufmerksam gemacht hätte: Pass auf, mit den zweien hat es etwas auf sich! - Denn das habe ich gelernt, mit hohen Herrschaften umzugehen. Aber so? Was meinen Sie, wie Sie sich verhalten hätten, wenn Sie der Wirt gewesen wären? Na, das möchte ich mal wissen!

Aber nun bin ich in die Geschichte hineingeraten und stehe für alle Jahrhunderte da wie ein schwarzes Schaf. Und ich wäre doch auch so gerne jemand, der sich sagt: „Wenn der kommt, mache ich alles auf!“