Mitten unter ihnen zurück 

 
Weil Gott ein gnädiger Gott ist, ließ er die Pfarre schon zwei Tage vor der Christmette davon informieren, dass er diesmal nicht daran denke, seinen Sohn als Kind in der Krippe zu den Menschen zu senden, sondern als 31-jährigen erwachsenen Mann.

Man kann sich vorstellen, dass diese Ankündigung große Verwirrung und Unruhe in der Pfarre auslöste. Nicht nur, dass der Kirchenchor seine rührenden Lieder nicht recht singen konnte, nein, auch alles andere war völlig ungeklärt: Wo man ihn denn hinsetzen sollte, diesen Jesus, ob er am Ende gar vorhätte, selbst zu zelebrieren oder zu predigen und das noch ohne Priesterweihe! Wer würde eine angemessene Laudatio halten, zumindest ein Bischof müsste doch her, wer die "Seitenblicke" informieren oder gar die "ZIB 2", wer dem Anlass entsprechende Kleidung bereithalten, wer weiß schon, wie der daherkommen würde - kurzum, wie sollte man sich am besten verhalten, wenn da plötzlich einer kommt, den man überhaupt nicht kennt!

Eilends wurde eine Krisensitzung des Pfarrgemeinderates einberufen, doch es war aussichtslos: für einen derartigen Fall war man einfach nicht gerüstet. Und da nicht einmal im theologischen Lexikon und im Pastoralamt der Diözese dafür etwas aufzutreiben war, begann die Gemeinde der Sache schließlich zu misstrauen. Vielleicht hatte sich da jemand einen schlechten Scherz erlaubt, so sagte man und es wurde beschlossen, einfach alles wie gewöhnlich ablaufen zu lassen. Und dementsprechend war die Mette dann auch - mit Kirchenchor und Stille Nacht, ohne Bischof und mit dieser putzigen kleinen Holzkrippe, die etwas verloren und wurmstichig vor dem Altar stand.

Manche blickten sich verstohlen um, ob dieser Jesus nicht doch irgendwo unvermutet auftaucht. Der einzige, der vom Alter her in Frage gekommen wäre, war ein Orts- und sattsam bekannter Sozialfall, 31, arbeitslos und alleinstehend. Die meisten sahen ihn nicht einmal und niemand gab ihm nachher die Hand - dabei war ER mitten unter ihnen und es war Weihnachten.