Gedanken zu den Lesungen vom 19. März 2023 (Gen 16,1-13 / Joh 9,1-41)
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Wer ist schuld? Im Judentum war die Ansicht sehr verbreitet, dass Leid die Strafe Gottes für die Sünden der Menschen ist. Was aber ist, wenn es jemanden trifft, der oder die gar nicht sündigen konnte, wie ein neugeborenes Kind? Dann müssen halt die Eltern herhalten, sie werden durch die Blindheit ihres Kindes für ihre Sünden von Gott bestraft.
 
Jesus ist zur Stellungnahme herausgefordert und er reagiert scharf: Niemand hat gesündigt! Jesus lehnt den Zusammenhang von Schuld und dem als Strafe von Gott verhängtem Leid entschieden ab. Seine Gotteserfahrung ist eine ganz andere. Gott verhindert das Leid nicht, er straft die Sünder*innen damit auch nicht. Sondern er ist ihnen nahe und will sich offenbaren, indem er heilt. Gott ist bei den Menschen im Leid, er führt sie manchmal auch heraus. Er ist ein Gott, der rettet. Deshalb schreitet Jesus sofort nach dieser Klarstellung, dass weder der blind Geborene, noch seine Eltern gesündigt haben, zur Heilung des Blinden.
 
Jesus tritt mit dem Geächteten in Kontakt und bestätigt ihn in seinem Glauben an die rettende Macht des Menschensohnes, des Messias. Die Pharisäer aber bleiben verhärtet und gefangen in ihren Anschauungen zurück. Die Geschichte zeigt, dass Jesus die Seinen und auch mich von der zwanghaften Suche nach Schuldigen und Sündenböcken befreien will. Diese Suche hält die Einteilung der Menschen in Böse und Gute, Schuldige und Unschuldige aufrecht. Jesus will mir zeigen, dass manches Leid keinen nachvollziehbaren Grund hat und keinen Auslöser, den ich dingfest machen könnte. Jesus möchte meinen Blick auf den Gott, der treu ist und mit mir durch das Leben geht, lenken.
 
Es ist eine der erstaunlichsten Erkenntnisse des jüdischen Glaubens, dass Gott nicht nur dort ist, wo es gut ist, wo es uns gut geht. Es ist offenbar auch nicht Gottes oberstes Ziel, uns vor dem Verlust von Glück und Wohlergehen zu schützen und zu bewahren. Die Gotteserfahrung des Judentums ist, dass Gott im Leid bei uns bleibt und mit uns durch das Unglück geht. Er führt uns zum Besseren, dort wo das möglich ist und wo es nicht möglich ist, stärkt und ermutigt er uns. Selbst durch den Tod hindurch geht er mit uns in das ewige Leben, wo wir von ihm vollendet werden.
 
Das Christentum hat erkannt, dass diese Vorstellung von Gott in Jesus Fleisch und Blut angenommen hat. Er ist es, in dem Gott erfährt wie sich menschliches Leid anfühlt, weil Jesus selbst Schmerzen und Verachtung ertragen hat. Die Erkenntnis, dass in Jesus Gott leibhaftig im Leid bei uns ist, haben die ersten Christen wie eine Erleuchtung empfunden. Dieser Glaube stellte die Suche nach den Schuldigen in ein anderes Licht. Wenn Gott mitten unter den Opfern ist, dann lässt sich auch sinnloses und grundloses Leid bewältigen.
 
Vielleicht hat uns die Gemeinde um den Apostel Johannes diese Geschichte deshalb überliefert, weil sie sie als Metapher für ihre eigene Verwandlung empfunden hat. Von Geburt an sind diese Menschen überzeugt gewesen, dass Leid Strafe Gottes für Sünden ist. Jetzt sehen sie, dass Gott nicht straft, sondern im Leid mitten unter den Opfern ist. Das gibt Hoffnung und eine ganz neue Sichtweise - ihnen, der Gemeinde rund um Johannes - und auch mir.