Gedanken zu den Lesungen vom 29. Jänner 2023 (Mt 5, 1-12a)
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Wie geht's Ihnen mit den Worten des Evangeliums? Wir haben ein Stück aus der "Bergpredigt" gehört. Beinahe jedes Mal, wenn ich das lese, finde ich diese Stelle absurd. Einen Trost für die Armen, Traurigen, Verlachten, für die Menschen am Rande zu haben, mag ja positiv sein, aber sie zu vertrösten auf ein "irgendwann später, vielleicht dann im Himmel" - das passt mir nicht, und das hat man auch der Kirche vorgeworfen, dass sie die bestehenden Verhältnisse stützt, indem sie auf eine Gerechtigkeit im Jenseits vertröstet. Und dabei selber auf der Seite der Reichen, der Mächtigen bleibt.
 
Aber bleibend spannend und genauso herausfordernd finde ich, dass sich Jesus den Armen zuwendet und sie aus der Unsichtbarkeit holt: Ich sehe, dass ihr Hunger habt, und das soll, wird und darf nicht so bleiben! Ich nehme eure Sanftmut, euren Willen zum Frieden wahr! Ich sehe eure Traurigkeit, und auch die soll ein Ende haben. Und eure soziale Isolation, die noch einmal zusätzlich schmerzt, wird aufhören.
 
Die Armen in unserem Land, in Europa, finden sich in den Beschreibungen wieder: sie haben wenig politisches Gewicht, müssen als Sündenböcke herhalten und werden gegeneinander ausgespielt; arme Familien oder Personen stehen vor der Entscheidung: heizen oder essen?; wer nicht aus einem EU-Land stammt, kann oft nicht um kommunale Energiekostenzuschüsse ansuchen. Wer zu wenig Deutsch beherrscht, auswärts geboren ist, krank oder psychisch beeinträchtigt, muss mit Almosen auskommen. Denn täglich mit dem Durchkommen beschäftigt zu sein, motiviert am besten für den Arbeitsmarkt - oder? Arme, kranke, psychisch belastete oder sonst "einfach andere" Menschen sind heute "unten durch", mit ihnen sind keine Wählerstimmen zu gewinnen, und das Geld gehört doch denen, die es erarbeitet haben. Es werden die Armen bekämpft, und eher weniger die Armut. So ist die Stimmung vielerorts in Politik und Gesellschaft.
 
Der Evangelist Lukas fügt an dieser Stelle noch Wehe-Rufe an, gerichtet an die Reichen, die jetzt alles haben, teilweise von den Krisen profitiert haben. Jesus droht ihnen gleichsam an, dass es nicht immer so bleiben wird, dass ihr jetziger Trost, ihre Fülle, ihr Spaß, ihre Reputation nicht von Dauer sein werden. Auch nicht tröstlich für viele von uns, oder? Diese Armen (oder immer wieder einmal von Armut bedrohten) waren zur Zeit Jesu 90% der Bevölkerung, die Reichen 10%. Auch wenn wir heute mehr Reiche und weniger Arme haben, ist doch das Gesamtvermögen hoch genug, sodass ein Leben in Armut gar nicht mehr sein müsste.
 
Ich erlaube mir einen Traum: mehr Ausgleich, weniger Unterschiede zwischen Arm und Reich. Dass alle bewohnten Unterkünfte im Winter geheizt werden können. Dass eine Reparatur einer Waschmaschine kein Problem ist. Dass alle Schulkinder einfach auf Wandertag, Schikurs oder Landschulwoche mitfahren können, auch andere Kinder einladen und manchmal ins Kino gehen. Dass eine Urlaubsfahrt möglich ist. Und dass auf der anderen Seite große Gewinne, Güterbesitz und Reichtum der Allgemeinheit, insbesondere den Schwächeren, zu Gute kommen. - Wenn ich hier von der Sozialpflichtigkeit des Eigentums spreche, so ist das nicht bloß sozialistisches Gedankengut, sondern auch wesentlicher Bestandteil der christlichen Soziallehre.
 
Gesellschaften, in denen der Unterschied zwischen Reichtum und Armut nicht so groß ist, sind glücklicher: darüber gibt es wissenschaftliche Untersuchungen von Kate Pickett und Richard Wilkinson, veröffentlicht in ihrem Buch "Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind": in Gesellschaften, wo reich und arm weniger auseinanderklaffen, gibt es weniger Teenagerschwangerschaften, Verbrechen, Gewalt, Inhaftierte, weniger Schulabbrecher*Innen, psychische Erkrankungen oder Drogenkonsum, die Menschen sind gesünder und leben länger. Der Grund dafür ist, dass ein gemeinsames Leben, in dem die Unterschiede nur moderat sind, weniger stresst und entspannter ist, weniger Mittel und Energie zur Selbstsicherung notwendig sind und die Gesellschaft mehr Schutz bietet. Alle profitieren davon: die Reichen und die Armen.
 
Das könnte doch auch eine Antwort auf die Zumutung dieser Seligpreisungen sein: den großen Unterschied zwischen Arm und Reich zu verkleinern suchen. Damit wir alle schon jetzt Momente der Seligkeit, des Glücklichseins und des Friedens erleben können. Und viele mit uns.